12. Mai 2018

J.R. Moehringer: Tender Bar

An dem Tag, als ich dieses Buch begonnen habe, war ich wahrscheinlich mit dem falschen Bein aufgestanden. Wie anders kann es sonst sein, dass ich vierzig bis fünfzig Seiten brauchte, um richtig in das Buch reinzukommen. In der Regel weiß ich nach zehn, zwanzig Seiten, ob es meines ist oder nicht.
Aber gut, glücklicherweise gebe ich Büchern ja eine Achtzig-bis-hundert-Seiten-Chance, um mich zu überzeugen. In diesem Falle wäre mir ansonsten ein tolles Buch entgangen.

Die Geschichte ist autobiografisch. Was das betrifft, lese ich ja lieber Frauen-Biografien. Noch dazu ist der Autor Jahrgang 1964. Mein Jahrgang. Diese Zeit finde ich persönlich nicht so wahnsinnig interessant. 
So verschieden sind unsere Kindheitserinnerungen gar nicht, wenn ich mich jetzt mal mit J. R. vergleiche. Der einzige Vorteil, den ich hatte, war, dass wir abgesichert waren. Meine Eltern brauchten sich wegen des Jobs oder der Wohnung keine Sorgen machen.
Aber gefühlsmäßig kann ich J. R. vollauf verstehen.

Das wahre Genie von J. R.s Vater lag im Verschwinden. Früh ließ er die Familie im Stich. Doch J. R. konnte ihn im Kofferradio hören. Als seine Mutter das mitbekam, sorgte sie dafür, dass sich Vater und Sohn mal trafen. Und J. R. schämte sich, dass er sich auf den Vater so freute. Doch aus dem Besuch des angekündigten Baseballspieles wurde nichts. Der Junge wartete vergeblich.
Und so macht sich J. R. auf, männliche Vorbilder zu suchen. Er versucht, sich mit dem Opa anzufreunden. Doch er hat Gewissensbisse; was würde die Mutter sagen. Und er fragt nach, warum sie nicht mit dem Opa redet:

Opa gebe keine Liebe weiter, sagte meine Mutter, als hätte er Angst, sie könnte eines Tages knapp werden.

Opa verbat ihr auch, ein College zu besuchen. Sie wollte so gerne studieren und Karriere machen.
Etwas später, kurz vor seinem achten Geburtstag, kam es dann doch noch zu einem Treffen zwischen Vater und Sohn, aber darüber hat J. R. seiner Mutter nicht die Wahrheit erzählt. Und dann war er ganz verschwunden. Er floh aus dem Bundesstaat, weil J. R.s Mutter Unterhaltszahlungen einklagen wollte. Und er drohte ihr, den Sohn zu entführen und ihr einen Killer auf den Hals zu hetzen, wenn sie damit nicht aufhörte.
Doch das und auch, was seine Mutter an ehelicher Gewalt erlebte, erfuhr J. R. erst in den folgenden Jahren.
Auf dem Klappentext steht unter dem 1. von drei Punkten der Grund, warum es für Frauen gut ist, das Buch zu lesen: "Weil Männer viel einfühlsamer und liebenswürdiger sind, als man denkt."
Diese einfühlsamen und liebenswürdigen Männer fehlen mir bisher. Der Opa ist der Familie gegenüber ein Ekel:

Gegenüber seinen Kindern verhielt Opa sich kalt und seine Enkel ließ er meist abblitzen, aber zu Oma war er hässlich. Er setzte sie herab, schikanierte sie, quälte sie zum Spaß, und seine Grausamkeit gipfelte in dem Namen, den er ihr gab. Ich hörte ihn nie Margaret zu ihr sagen. Er nannte sie dumme Frau, was sich ein wenig wie die Pervertierung bestimmter indianischer Namen in Hiawatha anhörte - zum Beispiel Großer Bär oder Lachendes Wasser ... Jeder Tag der Erniedrigung und Scham war Oma anzusehen. Selbst wenn sie schwieg, sprach ihr Gesicht Bände.

Dabei hielt er ihr Haushaltsgeld so kurz, dass sie sich nicht mal etwas für ein neues Kleid beiseitelegen konnte.
Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen im Haus, ging J. R. in den Keller und entdeckte dort einen Schatz:

In Schachteln verstaut, auf Tischen gestapelt, in Koffer und Überseekisten gepackt waren Aberhunderte Romane und Biografien, Lehrbücher und Kunstbände, Memoiren und Ratgeber, alle zurückgelassen von verschiedenen Generationen und abgekappten Familienzweigen. Ich weiß noch, wie mir der Atem stockte.
Ich liebte diese Bücher auf der Stelle, und diese Liebe hatte meine Mutter in die Wege geleitet. Von meinem neunten Lebensmonat an bis ich zur Schule kam, hatte mich meine Mutter kontinuierlich das Lesen gelehrt und dazu hübsche Lernkarten verwendet, die sie bestellte.
 

Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" und "Minuten-Biografien, "ein bröckelnder alter Band aus den 1930ern", wurden seine ständigen Begleiter.

Berührend finde ich immer J. R.s Wunsch, nur das Beste für seine Mutter zu wollen. Er durfte nicht einfach nur sein Bestes geben, er musste perfekt sein. Er möchte studieren, um Anwalt zu werden und seinen Vater zu verklagen. Dann bräuchte sie nachts nicht immer auf dem Taschenrechner rumhacken. Denn wenn das losging, hieß es, dass man bald wieder bei Opa einziehen musste, weil das Geld nicht mehr reichte.
Selbst als eine Beziehung seiner Mutter mit einem Mann in die Brüche ging, machte er selbst sich Vorwürfe. Er hätte sich mit diesem Mann mehr Mühe geben müssen, hätte sich mit ihm verstehen müssen. Er hätte ihn dazu bringen müssen, ihn zu mögen.
Um den Glücksfall, der J. R. dann ereilt, beneide ich ihn. Er findet nach der Schule Arbeit in einem Buchladen. Bud und Bill führen ihn nicht nur in die Welt der Bücher ein.

Bill und Bud kamen schnell dahinter, dass ich Bücher liebte, aber nicht sehr viel über sie wusste. Mittels einer Reihe rascher, bohrender Fragen fanden sie heraus, dass ich nur ,Das Dschungelbuch' und die ,Minuten-Biografien' kannte. Sie waren entsetzt und wütend auf meine Lehrer."

Doch sie lehrten ihn auch Musik, widmeten sich seiner Sprechweise und zeigten ihm, sich ansprechender zu kleiden. Und sie bestärkten ihn in seinem Wunsch zu studieren.

Sommer 1980:
Zwei Schüsse aus kürzester Entfernung in die Brust, dann rannte der gesichtslose Täter davon. Meine Mutter und ich sahen das Ganze zusammen mit Millionen anderer Zuschauer. Der versuchte Mord an J. R. Ewing war das Ende der Staffel, der Cliffhanger von ,Dallas', der am häufigsten gesehenen Fernsehserie der Welt, und als J. R. Ewing zu Boden sank, die Hand auf der Wunde, wusste J. R. Moehringer, dass ihm ein langer heißer Sommer bevorstand.

Auch das habe ich mit J. R. gemeinsam. Die Erinnerung an Dallas. Aber da ich nicht J. R. heiße, blieben mir die folgenden Frotzeleien erspart.

Ich könnte noch so viel über das Buch berichten, aber ich möchte euch nicht das Vergnügen nehmen, dieses tolle Buch selbst zu lesen.
Jetzt wandert es erst einmal in mein Bücherregal zurück. Irgendwann werde ich es mit Vergnügen noch einmal lesen. Dann wird mir auch der Anfang mehr Spaß machen, weil ich weiß, was für ein Vergnügen folgt.
Sogar die Danksagung habe ich mit Vergnügen gelesen, was äußerst selten vorkommt, da ich die meisten aufgezählten Namen eh nicht kenne. Diese aber ist richtig toll, und das nicht nur, weil mir hier ein bekannter Name (Will Schwalbe) untergekommen ist.

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