5. Mai 2018

J.R. Moehringer: Knapp am Herz vorbei

Ein sympathischer Ganove

Willie Sutton wird aus dem Knast entlassen. Ausgerüstet mit einem neuen Anzug und der Auflage, seinen ersten Tag einer Zeitung für ein Exklusivinterview zu widmen. Er ist über siebzig, hat ein krankes Bein und die Befürchtung, den ersten Tag in Freiheit nicht zu überleben.
Er verbringt die erste freie Nacht im Plaza und macht sich dann mit Schreiber (der Reporter) und Knipser (der Fotograf) auf den Weg in seine Vergangenheit. Sie kutschieren ihn durch Brooklyn, der Stätte seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner ersten und einzigen Liebe.

Willies Eltern kamen vor vielen Jahren von Irland hierher. Der Vater ist Hufschmied. Das Geld reicht vorne und hinten nicht. Aber er versäuft es wenigstens nicht. Seine Mutter wäscht und putzt den ganzen Tag, obwohl das sinnlos ist in dieser dreckigen Gegend.
Seine Schwester ist jung gestorben. Gehirnhautentzündung? Sie wissen es nicht. Die Brüder verprügeln ihn in aller Regelmäßigkeit. Das geht so lange, bis diese endlich einen Job bekommen bzw. eingezogen werden.


Wir springen hin und her in der Zeit. Die drei Freunde - zu dem Trio gehören noch Happy und Eddie - merken schon früh, dass den Banken das Geld gehört. Mit etwas Glück erhalten Eddie und Willie dort sogar einen Job. Doch nach gut einem halben Jahr ist es schon wieder vorbei. "Glück" haben die Jungens wieder während des Ersten Weltkriegs. Da macht Eddie auch seine ersten sexuellen Erfahrungen; mit einer Prostituierten.
Und dann lernt er Bess kennen. Tochter aus reichem Hause. Sie verlieben sich, wollen heiraten. Aber da macht der Papa nicht mit. Und so büxen sie aus. Klauen die Lohngelder aus der väterlichen Werft und verschwinden. Aber Glück brachte es ihnen nicht. Bess wurde außer Landes gebracht und Willie bleibt unglücklich zurück. Ihn erwartet die Depression.
Doch dann lernt er durch Eddie Doc kennen und sein Leben wandelt sich.
Willie Sutton wurde nicht Bankräuber, weil es ihm Spaß machte oder weil er zu faul zum Arbeiten war. Ganz im Gegenteil: Er war permanent auf Jobsuche. Aber:
"Amerika ist ein großartiges Land für Gewinner, aber ein Höllenkeller für Verlierer."

Mit Doc knackt er eine Bank nach der anderen. Doch nie wandte er Gewalt an. Seinen Anteil vergrub er in Gläsern in der ganzen Stadt. Eine halbe Million hat er wohl zusammen, als sie geschnappt werden. Während Doc singt wie eine Drossel, gibt Willie nichts zu. Und so wird er von den Cops halbtot geprügelt.
Willie wird zu 50 Jahren Sing Sing verknackt, die er erst mal mit einem Ausbruch unterbricht. Doch draußen erwartet ihn das alte Problem. 13 Millionen Arbeitslose, jede Woche gehen zig Banken pleite. Aber es sind noch genug da, um sich mit Jugendfreund Eddie zusammenzutun, und sie auszurauben.

"Nach einem Jahr haben sie ihn wieder. Im Gefängnis kommt er in die Dunkelzelle."

Verboten sind Besuche, Briefe, Radio. Und Bücher. Für ein Buch würde er alles tun, obwohl es in der Dunkelheit nutzlos wäre. Einfach ein Buch in der Hand zu halten, sich vorzustellen, was darin steht, wäre schon ein Trost. Er schwört, wenn er jemals aus dieser Dunkelzelle herauskommt, lernt er Bücher und Gedichte auswendig, um sie für immer im Kopf zu haben. Nur für den Fall.

Arrangiert er sich nun mit seinem Schicksal? Lest selbst.

Das war Moehringers Sicht der Geschehnisse, wie er sich vorstellt, dass sie hätten so geschehen können. Sutton selbst hat zwei sich unterscheidende Biografien geschrieben.
Der SPIEGEL berichtet über Willie Sutton, als er 1952 vor Gericht stand.

Lieber Mister Moehringer, ich flehe Sie an, schreiben Sie noch ein Buch.

An dieser meiner Bitte könnt ihr ermessen, wie sehr mir diese Geschichte gefallen hat. Was für ein Buch. Ich bin total begeistert. Fühle mich zurückversetzt nach Amerika in die Zeit der Prohibition. Denke an Filme wie Es war einmal in Amerika und Good Fellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia; obwohl diese Geschichte ein paar zig Jahre später spielt. Was liebe ich diese Filme. J.R. Moehringer erzählt, als ob er dabei gewesen wäre.

Moehringer hat bisher leider nur zwei Romane geschrieben. Tender Bar war der erste, den stelle ich euch später vor - da muss ich meine Notizen erst aufarbeiten.
Ansonsten gibt es noch eine Biografie über Andre Agassi, an der er beteiligt war. Und wenn ich die begeisterten Rezis lese, kann ich verstehen warum. 

Weitere Buchvorstellungen von J.R. Moehringer
Tender Bar

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