23. April 2018

Susan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street

Erschienen im Insel Verlag
Malkas Familie flieht aus Russland. Mit dem Schiff soll es nach Kapstadt gehen. Die Mutter versteckt in Malkas Mantel das Geld und gibt ihr Order, zu brüllen wie am Spieß, wenn es jemand wagen sollte, an den Mantel zu gehen. Als die Mutter und Schwestern krank werden, müssen sie noch vor der Abreise in Quarantäne. Doch als der Vater Malka das Geld abnimmt, kommt sie nicht dagegen an. Dieser tauscht die Tickets nach Kapstadt gegen Tickets nach Amerika ein.
Doch vom gelobten Land merkt die Familie nichts. Sie leben weiterhin in Armut. Die Mädchen müssen arbeiten gehen. Der Vater macht sich eines Tages, wie so viele Familienväter, aus dem Staub und lässt die Familie hängen. An der ganzen Misere gibt die Mutter Malka die Schuld, weil sie es zugelassen hat, dass der Vater das Geld nahm.
Auf der Suche nach dem Vater rannte Malka vor ein Pferdegespann und wurde so schwer verletzt, dass sie in ein Spital musste. Die Mutter wollte sie nicht zurück haben.

"Schlimm genug, dass sie eines von vier Mädchen ist. Schlimm genug, dass sie hässlich ist. Und jetzt sagen Sie mir auch noch, dass sie ein Krüppel ist? Bitte, Herr Doktor, sagen Sie's mir. Was soll ich mit so einer Tochter anfangen? [...] Behalten Sie sie meinetwegen. Sie ist nutzlos."

Als es Malka einigermaßen ging, holte sie Mr. Dinello, durch dessen Pferd sie den Unfall erlitt, aus dem Spital zu sich nach Hause. Gegen den Willen seiner Frau. Die Dinellos hatten drei Söhne.
Es war der Sommer 1913. Es herrschte eine verheerende Sommerhitze. Es war Poliozeit. Diphterie, rheumatisches Fieber, Cholera. Malkas Schwester Rose ist an Typhus gestorben. Die Mutter verlor den Verstand und wurde eingewiesen.

Ein wenig Schonzeit gönnte Mrs. Dinello Malka. Sie konnte kaum laufen. Ihr Bein war geschient und verbogen. Sie musste lernen, an Krücken zu laufen. Doch allzu viel Zeit ließ sie ihr nicht, dann musste Malka für Kost und Logis mitarbeiten. Und so lernte sie von der Pike auf die Eisherstellung.

Das war Malkas erstes Jahr im Land der Möglichkeiten. Die Dinellos ließen sie taufen. Die Legende ihres amerikanischen Lebens begann nun mit dem Namen Lillian Maria Dinello.

Lillian Maria Dinello erzählt uns hier ihre Geschichte. Und sie spricht uns dabei persönlich an: Meine Schätzchen. "Verklagt mich doch" ist einer ihrer Lieblingssätze, der immer wieder mal auftaucht.

Sie erzählt uns, wie viele Männer die essbare Eistüte erfunden und sie bei der großen Weltausstellung vorgestellt haben wollen, über die ersten modernen Eismaschinen. Der Erste Weltkrieg, der den Dinellos die Söhne kostete. Die Spanische Grippe, die sogar mit der Pest verglichen wurde.

Lillian besucht die Schule. Mrs. Dinello schickte sie sogar aufs College. Sie meint, da Lillian nie richtig körperlich wird arbeiten können, muss sie mit dem Kopf arbeiten. Als das Ehepaar immer älter wird, vertraut es Lillian sogar die Geschäftsbücher an.

Und als man gerade beginnt zu denken, wie es weitergehen wird, gibt es eine Wendung in der Geschichte.
Doch lest selbst...

Susan Jane Gilman stammt aus New York und hat an der Universität von Michigan Kreatives Schreiben studiert. Nach drei Sachbüchern ist dies ihr erster Roman. In einer Buchwidmung erwähnt sie Frank McCourt. Ihr Schreibstil erinnert mich ein wenig an ihn. Auch sie benennt, wie er, die Armut und den Dreck, in dem die Menschen damals lebten, beim Namen.
Durch Lillians Erzählung erfahren wir auch ein bisschen Amerika-Geschichte.

Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen. Biografien, auch wenn sie als Roman daherkommen, mag ich gerne lesen. Und Susan Jane Gilman hat so einen schönen Schreibstil, dass man, wenn man sich erst einmal mit dem Buch hingesetzt und begonnen hat, es nicht mehr beiseite legen mag.

Kommentare:

  1. Liebe Anne,

    der Mutter würde ich am liebsten die Augen auskratzen!
    Wendet sich das Leben von Lillian denn zum Positiven? Hört sich so an, wenn die Pflegemutter sie aufs Collge schickt. Denn ein Buch, in dem alle Lillian ihr Leben lang hassen, möchte ich nicht lesen.

    Liebe Grüße
    Petrissa

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    1. Wolln mal so sagen: Sie geht ihren Weg. Und der ist ziemlich steinig und sie selbst ist schon sehr speziell. Aber sie wird nicht ihr Leben lang gehasst.
      Liebe Grüße, Anne

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