6. Februar 2018

Karlen Vesper: Die Puppennäherin von Ravensbrück - Zwölf Porträts


Immanuel Kant sagte einst: Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.

Diesem Ausspruch liegt die moralische Verpflichtung des Einzelnen zugrunde, Unheil abzuwenden. Er gibt gleichzeitig Hoffnung, dass Bewusstsein menschliches Handeln unterbinden kann. In den wohl dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichten wog diese Verpflichtung schwerer denn je.

Günters Vater Ludwig Pappenheim wurde schon am 25. März 1933 verhaftet. Ein politischer Konkurrent hatte ihn angezeigt. Als die Haftzeit vorbei war, wurde er aber nicht entlassen, sondern in "Schutzhaft" genommen. Er kam ins KZ Breitenau bei Kassel, danach ins Börgermoor bei Papenburg im Emsland. Das war eines der ersten KZs in Nazideutschland und war noch dem Reichsjustizministerium unterstellt und wurde von "Schutzpolizisten" bewacht. Die SS übernahm dann später die Moorlager.
Hier in Börgermoor wurde erstmals das "Lied der Moorsoldaten" gesungen. Die Wachmannschaften ließen es zunächst zu, doch dann erfassten sie den Sinn der letzten Strophe und verbaten es:


Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.
Dann zieh'n die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!


Die Befreiung erlebte Ludwig nicht mehr. Angeblich wurde er auf der Flucht erschossen. Doch durch die Misshandlungen war er dazu gar nicht in der Lage. Noch dazu prahlte der SS-Mann Johann Siems später mit seinem "Meisterschuss", mit dem er Ludwig niedergestreckt hat.
All dies hat Günter miterlebt. Erst als Lehrling konnte er wieder Freundschaften schließen. Diese findet er bei Zwangsarbeitern: Franzosen, Belgiern, Niederländern, Russen, Jugoslawen.
14. Juli 1943 - es ist der Nationalfeiertag Frankreichs. Günter überrascht die Freunde und spielt für sie auf seiner Zieharmonika die "Marseillaise". Doch sie werden unvorsichtig, zu laut, und Günter wird verhaftet und gefoltert. Er ist erst 17. Günter kommt in "Schutzhaft", dann ins KZ Buchenwald. Er hatte Glück und überlebte das Grauen.

Zwölf Geschichten wie diese enthält dieses Buch. Über junge Menschen, die in einer sehr schwierigen Zeit menschlich geblieben sind.
Wie zum Beispiel Elisabeth Jäger aus Wien. Sie gehörte der Kommunistischen Jugend an und wurde durch Spitzel verraten. Sie verbannte man ins KZ Ravensbrück.

Die einzelnen Geschichten bleiben nicht so dicht bei den hier beschriebenen Personen. Wir erfahren etwas mehr aus der politischen Geschichte: Wie aus der KPD und SPD die SED entstand. Namen und Fakten von Antifaschisten und Kriegsverbrechern.
Die Firma Siemens zum Beispiel hatte in vielen Konzentrationslagern Produktionsstätten. Hermann von Siemens, Firmenchef, sitzt nach dem Krieg zwar für kurze Zeit im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis, doch er wurde nie angeklagt. Eine Entschädigung wird seinen Sklavenarbeitern erst Jahrzehnte später unter nationalem und internationalem Druck zuteil.

Aber auch ansonsten müssen die Frauen wie Sklaven arbeiten, werden vor tonnenschwere Walzen gespannt. Ein SS-Mann höhnisch:

Häftlinge kommen billiger als Pferde. Erstens muss man sie nicht kaufen; sie werden gratis ins Lager geliefert. Zweitens kosten Steckrüben weniger als Heu, und drittens liefert ihre Asche noch guten Dünger.

Da wird mir doch ganz übel, wenn ich heute in den Sozialen Medien - vorrangig bei Facebook - solche Sätze wieder lese. Da darf ungestraft geschrieben werden, dass die oder der Politiker ins Gas geschickt werden sollte. Dass die KZs ja noch vorhanden wären. Man bräuchte sie für die Flüchtlinge nur wieder aufzumachen. Rassismus und Rechtradikalismus haben bei uns wieder eine Bühne. Und das macht mir mächtig Angst.

Bevor ich euch nun alle mutigen Menschen aus diesem Buch vorstelle, lege ich euch dieses wärmstens ans Herz.

Wer das Neue Deutschland abonniert hat, kann einen Artikel über die Puppennäherin von Ravensbrück hier nachlesen.

Auf youtube gibt es ein Filmchen mit den "Moorsoldaten", gesungen von Hannes Wader. Dort ist auch der deutsche und russische Text des Liedes nachzulesen:


Kommentare:

  1. Einen frühen guten Morgen, liebe Anne

    Das Video schaue ich mir so früh noch nicht an. Schlimm! Meisterschuss? Den halt wohl dieser Siems selber gehabt. Und zwar einen ganz bösen!
    Da gebe ich dir vollkommen Recht. Ich denke, die Menschen die heute so derbe Sprüche loslassen, wissen überhaupt nicht wovon sie reden.

    Das ist wieder eine sehr interessante Besprechung von dir. Das Buch bestimmt keine leichte Kost.

    Liebe Grüße,
    Gisela

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  2. Moin, liebe Gisela,

    das stimmt, diese Bücher sind alle keine leichte Kost. Aber doch wichtig, um nicht zu vergessen.

    Liebe Grüße, Anne

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    1. Wie wahr liebe Anne, ein oder zwei Generationen später weiss niemand mehr von diesen menschenverachtenden Ereignissen. Ich finde es sehr gut, dass DU Dich so intensiv um dieses Thema kümmerst. Vielleicht verirrt sich ja doch der ein oder andere junge , ahnungslose Mensch auf diese Seite hier. Ich kann mich noch gut an mein Entsetzen erinnern, als ich erst in der Schule davon etwas erfahren habe....von der Gesellschaft wurde das Thema in den 60 er Jahren einfach totgeschwiegen. Ist es nicht schlimm., dass ein Film namens * Holocoust* erst die Menschen wieder wach gerüttelt hat?
      GLG Angela

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    2. Danke, liebe Angela,

      ich muss ehrlich gestehen, dass ich den Film auch erst vor Kurzem gesehen habe (auf Youtube kann man übrigens alle vier Teile sehen: https://www.youtube.com/watch?v=Drdvz_zhdw4). Es ist aber auch wieder bezeichnend, dass der Film von den Amerikanern gemacht wurde, und das auch erst mehr als 30 Jahre nach Beendigung des Krieges. Er sollte in den Schulen gezeigt werden.

      Liebe Grüße, Anne

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  3. Liebe Anne,
    da geht es mir wie dir, es macht mir Angst, wenn ich die Entwicklung in Politik und Gesellschaft teilweise so verfolge. Bücher wie dieses sind wichtig, nur werden sie meist leider nur von denjenigen gelesen, die sowieso der Meinung sind, dass so schreckliche Dinge nie mehr passieren dürfen. Aber man darf nicht aufgeben, ein starkes Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Opfer nicht vergessen werden.
    Danke für die Vorstellung dieses Buches.
    Liebe Grüße
    Susanne

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    1. Liebe Susanne,

      das stimmt leider, Kommunikation findet zumeist zwischen Gleichgesinnten statt. Von daher kann ich nur hoffen, dass mal jemand über das Thema stolpert, dessen Meinung noch nicht so gefestigt ist.
      Und wenn nicht, man überlässt zumindest nicht den anderen das öffentliche Feld.

      Liebe Grüße, Anne

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  4. Liebe Anne,
    es ist so toll, dass du so fleißig gegen das Vergessen anliest! Mir schauert´s vor der Zukunft, wenn ich so im Alltag sehe, vor was wir alles wieder die Augen verschließen oder schönreden. :-( In ein paar Jahren gibt es gar keine Zeitzeugen mehr! Was soll dann werden?
    GlG vom monerl

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    1. Liebes monerl,

      deshalb ist es ja so wichtig, dass sie jetzt noch zu Wort kommen und wir sie auch hören und lesen. Ich bewundere auch die alten Menschen, die heute noch an Schulen gehen und dort aus ihrem Leben berichten. Das, finde ich, ist noch viel wichtiger, als dagegen anzulesen. Zum Beispiel Esther Bejarano, die als letzte Überlebende des Mädchenorchesters von Auschwitz sogar noch auf Tour ging: https://www.youtube.com/watch?v=4aotQBSdT9I

      Liebe Grüße, Anne

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