20. Januar 2018

Charlotte Krüger: Mein Großvater, der Fälscher: Eine Spurensuche in der NS-Zeit

Ein Buch "Gegen das Vergessen"? Wo es doch hauptsächlich um einen Täter geht. Bei meinen bisher gelesenen Büchern ging es immer um die Opfer.
In der Whatchreadin-Gruppe "Gegen das Vergessen" wurde aber auch die Diskussion angestoßen, dass es auch wichtig ist, mehr über die Täter zu erfahren. Oder überhaupt, wie es sein kann, dass Millionen Menschen sich verführen lassen können.

Charlotte Krüger ist die Enkelin besagten Fälschers. Für sie war er der Großvater, den sie geliebt hat. Sie war zehn Jahre jung, als er starb. Sie hat sich auf die Suche nach Antworten zu ihren Fragen gemacht.

Und Fragen gibt es jede Menge. Und zu jeder Antwort, die man glaubt, erhalten zu haben, gibt es wieder jede Menge Fragen. Und gibt es überhaupt "die Antwort"?

Ja, mit der "Operation Bernhard" hat der SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger einigen Juden das Leben gerettet. Schließlich gibt es aus diesem Arbeitsteam jüdische Überlebende. Aber auch nur, weil das KZ befreit wurde.
Wäre dies nicht geschehen, und die Fälscherarbeit beendet, wären die jüdischen Menschen vergast worden. Schließlich wurden nur Juden für dieses Projekt ausgesucht.


So richtig zur Verantwortung gezogen wurde Bernhard Krüger offiziell ja nicht. Er wurde "entnazifiziert" und dachte, es wäre damit erledigt. Doch Jahre später musste er sich den Anschuldigungen seiner Kinder stellen. Und das war viel schlimmer für ihn.

Aber ist eine familiäre Aufarbeitung überhaupt möglich? Kann oder will man sich als Sohn, Tochter oder Ehefrau vorstellen, dass der Vater oder Mann ein Kriegsverbrecher ist? Kann man nicht besser mit der Vorstellung leben, dass derjenige keine andere Wahl hatte?

Was ich während des Geschichtsunterrichts nicht gelernt habe, war, dass die Konzentrationslager zum Teil nach dem Zweiten Weltkrieg auch von den Russen weitergenutzt wurden. Ich könnte das noch akzeptieren, wenn sie dort die Kriegsverbrecher inhaftiert hätten, aber so war es nicht, nicht nur. Beispiel: Georg Kohn wurde 1942 für das Fälscherunternehmen im KZ Sachsenhausen verpflichtet. Nach dem Krieg wollte er zurück in seine Heimat. Das war zu der Zeit, als in Charlottenburg über die künftigen Grenzen Deutschlands verhandelt wurde. Und so kam er in die russische Zone und wurde dort verhaftet. Sie wollten ihm nicht glauben, dass er Jude sei. Das ginge nicht, da er noch lebe. In seiner Verzweiflung erzählte Kohn dann, dass er zuletzt bei dem Fälscherkommando dabei war. Nun machte man ihm den Vorwurf, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Und das Ungeheuerliche geschah: Er wurde im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Fast fünf Jahre hatte er gesessen für ein Verbrechen, für das eigentlich jemand anders hätte bestraft werden müssen.

Die Aufarbeitung ist noch lange nicht abgeschlossen. Und die Frage, warum Millionen Menschen einem Mann gefolgt sind, ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt nicht "die Antwort" darauf.
Es ist aber wichtig, das zu verstehen. Damit es nicht noch einmal passiert.

Kommentare:

  1. Was für ein Fälscher? Das kapier ich gerade nicht.

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    1. Es geht um die "Operation Bernhard" - die bislang größte bekannte Geldfälscheraktion der Geschichte. Ziel war eine massenhafte Fälschung der Pfundnoten der Bank of England in 1A-Qualität.

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    2. Und er hat den Juden das Leben gerettet, weil die für ihn gearbeitet haben?
      Aber ist es nicht etwas komisch zu sagen, er hat ihnen das Leben gerettet, weil die Juden ja eh keine Wahl hatten?
      Und warum hat er engl und nicht deutsches Geld nachgemacht?

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    3. Ja, das war seine Meinung. Aber ich schrieb ja: Es wurde nur Juden ausgewählt. Und wenn das KZ nicht befreit worden wäre, wären sie nach getaner Arbeit umgebracht worden.
      Es wurde englisches Geld gefälscht, weil man die englische Wirtschaft schwächen wollte.

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  2. Liebe Anne, was du über dieses Buch schreibst, ist sehr interessant und auch wichtig. Ich gebe dir Recht, es gibt viele Bücher über die Opfer, aber über die Täter erfährt man eigentlich wenig. Mir geht es ähnlich wie dir, ich versuche zu begreifen, wie das passieren konnte, wieso sich so viele Menschen damals zu verbrecherischen Taten einspannen ließen. Wo hatten diese Menschen ihr Gewissen in dieser Zeit abgegeben?
    Ich werde mir das Buch vormerken.
    Liebe Grüße
    Susanne

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    1. Für uns ist diese Frage wohl schwer zu beantworten, liebe Susanne. Kommt es daher, dass man Macht hat? Sie wurden dafür ja nicht bestraft. Was waren sie überhaupt für Menschen? Waren sie eh schon Kriminelle und konnten sich nun so richtig austoben? War es eine Art Gehirnwäsche? Die Propagandamaschinerie lief ja auf Hochtouren.
      Man müsste sich die entsprechende Literatur besorgen. Aber ich weiß nicht, ob ich das noch möchte.

      Aber faslls jemand über ein derartiges Buch stolpert, kann mir gerne Bescheid geben.

      Liebe Grüße, Anne

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  3. Guten Morgen Anne

    Keine richtige Rettung der Juden war das wahrlich nicht. Ich glaube gerne, dass es noch schlimmer ist, wenn einen die eigenen Kinder in die Mangel nehmen. Es muss wirklich schlimm für Angehörige sein, einen Vorfahren zu haben, der solche Verbrechen begangen hat. Darüber habe ich schon mal ein ganz tolles Buch gelesen. "Mein Großvater hätte mich erschossen" von Jennifer Teege. Kann ich dir sehr empfehlen. Wahre Geschichten liebst du ja sehr.

    Einen schönen Sonntag und liebe Grüße,
    Gisela

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    1. Moin, Gisela,

      vor Jahren habe ich mal ein Interview mit der Autoren gesehen, danke, dass Du mich an das Buch erinnerst. Jetzt schreib ich es mir auf.

      Liebe Grüße, Anne

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  4. Hallo Gisela und Anne,
    das Buch ist mir auch gerade in den Sinn gekommen. Das möchte ich unbedingt lesen.
    Liebe Grüße
    Susanne

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