27. Dezember 2017

Walter Kempowski: Im Block

Da sich dieses Jahr im Oktober der zehnte Todestag Walter Kempowskis jährte, wollte ich eigentlich ein ganzes Lesejahr mit dem Schriftsteller machen, von dem ich aber abgekommen bin. Dabei habe ich fast alle seine Bücher. Ich werde sie also in lockerer Folge lesen und hier vorstellen.

Im Block ist sein erstes Werk, es erschien 1969.

"Im Morgengrauen holten sie mich aus dem Bett. Zwei trugen Lederjacken. Da hast du was zu melden, wenn du wieder rüberkommst, dachte ich."

So beginnt Walter Kempowskis Bericht über seine Verhaftung und spätere Inhaftierung in der Haftanstalt Bautzen I, dem sogenannten "Gelben Elend". Unrühmliche Bekanntheit erlangte Bautzen I als „Speziallager Nr. 4“ der Sowjetischen Militäradministration. Ich habe ein gemeinfreies Foto dazu gefunden.





 
 

Schon in diesen ersten drei Sätzen blickt Kempowskis trockener Humor durch, bei dem mir oftmals das Lachen steckenbleibt. Er hätte gerne einen Pfarrer gesprochen, damit der seine Mutter hätte warnen können. Nach zehn Tagen macht er die Sowjets darauf aufmerksam, dass sein Interzonenpass bald ablaufe, was bei denen für Heiterkeit sorgt. Immer wieder wird er nach spionischen Agenten gefragt, bis er sich welche ausdenkt: "Die Namen entlehnte ich aus Shakespeares Dramen."
Er hat Wachträume, gute wie schlechte, z. B. darf er jeden Monat ein Paket empfangen, erhält zehn Jahre Freiheitsentzug, die er in einem Büchermagazin absitzen muss. Oder er wird verstoßen und verraten, liegt krank auf einem Lumpenhaufen und fleht um Wasser.
Ein Versuch, sich das Leben zu nehmen, scheitert.

Dann endlich kam ein Bündel von zu Hause: Schuhe, Wäsche, ein Kopfkissen und sogar eine Zahnbürste.
Ende Juli 1948 gab es einen Protokoll-Abschluss. Sie wurden ihm alle vorgelesen. "Da war ich aber doch erstaunt. Das alles sollte ich ausgesagt haben?"
Ende August fand die Gerichtsverhandlung statt. Ohne Verteidiger. 25 Jahre Zwangsarbeit. Bautzen.

Zu der Zeit gab es sogar für das Weitergeben von Westzeitungen 25 Jahre wegen antisowjetischer Propaganda.

In den Blöcken bildeten die unterschiedlichsten Männer eine Zwangsgemeinschaft. Und es war schwer, neue Bekanntschaften anzuknüpfen.

Um sich zu beschäftigen, gründeten einige Männer eine Chorgemeinschaft und probten täglich. Lesen konnte Kempowski nur heimlich: „‚Ditte Menschenkind‘. Der war´s auch nicht besonders gut gegangen.“ – „‚Krieg und Frieden‘: Daß sich das riesige Vermögen des Grafen Besuchow wieder um ein Drittel vermindert hat.“

Später durfte man über Kultur diskutieren: „Anregend waren abendliche Diskussionen. Ob Jazz Kunst ist. Ob der Schlager als Volkslied unserer Zeit bezeichnet werden könne? Ob Jugendliteratur nach Karl May überhaupt noch möglich sei?“

Ab 1951 ging es etwas humaner zu. Eine Bibliothek wurde eröffnet. Nun konnte man legal lesen. „Wir lasen mit rasender Geschwindigkeit, weil wir dachten, die Entlassung kommt dazwischen.“

Nach acht Jahren wurde Walter Kempowski vorzeitig entlassen und ging zu seiner Mutter nach Hamburg.

Unmittelbar nach seiner Entlassung fertigte er 48 Monotypien an. Einige davon sind in diesem Buch erstmals veröffentlicht worden.

Eine Wertung für dieses Buch mag ich nicht anstellen. Ob diese 25 Jahre zu Unrecht bestanden, ich weiß es nicht. Als Kempowski verhaftet wurde, war er gerade mal 19 Jahre alt, kam aus dem Krieg und wollte irgend etwas arbeiten.

Auf jeden Fall war es ein interessantes Lesen. Die Haftbedingungen so kurz nach dem Krieg waren natürlich grausig. Die Männer gingen täglich hungrig schlafen, Hygiene war ein Fremdwort und es gab keine vernünftige Beschäftigung. Ein wenig besser wurde es nach der Gründung der DDR und als Kempowski von „humaner“ schrieb, war das die Zeit, als Walter Ulbricht die Führung in der DDR innehatte. Vielleicht deute ich dort zu viel rein, aber zeitlich passt es.

Kommentare:

  1. Liebe Anne,

    habe ich das richtig verstanden: Der hat 25 Jahre bekommen, weil er westdeutsche Zeitungen verkauft hat??
    Ich glaube, was man so hörte, war es zu keiner Zeit angenehm, in der DDR im Knast zu sitzen.

    Und was hatte es mit dem Speziallager Nr. 4 auf sich?

    Liebe Grüße
    Petrissa

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    1. Liebe Petrissa,

      nein, er saß nicht wegen Zeitungen (es hat aber wohl solche Urteile gegeben). "Am 8. März 1948, während eines Besuchs bei seiner Mutter in Rostock, wurde Walter Kempowski, der sich auch für die liberale LDP engagierte, vom sowjetischen NWD (vormals NKWD) verhaftet. Sein Bruder Robert Kempowski (1923–2011), der die väterliche Reederei weiter betrieb, hatte Frachtpapiere aus dem Kontor gesammelt, um beweisen zu können, dass die sowjetische Besatzungsmacht größere Mengen an Demontagegütern aus Deutschland abtransportieren ließ, als mit den Westalliierten vereinbart war. Walter Kempowski sollte diese Dokumente den Amerikanern übergeben. Aufgrund dessen verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal beide Brüder wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager. Ihre Mutter wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wegen „Nichtanzeige von Agenten ausländischer Geheimdienste“." - Quelle: Wikipedia

      Das Speziallager werde ich mal noch verlinken (https://de.wikipedia.org/wiki/Justizvollzugsanstalt_Bautzen#Speziallager_Bautzen). Das habe ich vergessen.

      Mehr DDR-Knast-Leseerfahrungen habe ich leider noch nicht.

      Liebe Grüße, Anne

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