9. November 2017

Reiner Engelmann: Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben des Wilhelm Brasse

9. November 1938
Pogromnacht: Im Deutschen Reich kommt es reichsweit zu organisierten Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen, bei denen unter anderem Synagogen in Brand gesteckt werden. Polizei und Feuerwehr haben Weisung, nur nichtjüdisches Eigentum zu schützen.




Während der Leipziger Buchmesse 2016 wurde Reiner Engelmann für sein Buch Der Fotograf von Auschwitz und sein "Engagement für die Schwachen, Verletzbaren, Unterdrückten, Benachteiligten und Verlorenen der Gegenwart und der Vergangenheit" mit dem FDA Literaturpreis für Toleranz, Respekt und Humanität ausgezeichnet.

Hier könnt ihr die Verleihung und die Laudatio von Arndt Stroscher von AstroLibrium nachhören:



Das Vorwort zu diesem Buch wurde von Max Mannheimer geschrieben. Selbst ein Überlebender, der fast die ganze Familie im Holocaust verlor, engagierte er sich bis zu seinem Tode im September 2016, vor allem jungen Leuten zu erzählen, was Krieg bedeutet.

Wilhelm Brasse wurde am 3. Dezember 1917 in Żywiec geboren. Die Mutter hielt die Familie, es folgten noch drei Brüder, beisammen und vermittelte den Jungs ihre inneren Werte.
Als der Vater während der Weltwirtschaftskrise seine Arbeit verlor, musste Wilhelm in die Lehre. Er wurde Fotograf und arbeitete nach der Gesellenprüfung bei seinem Onkel in Kattowitz im Fotoatelier.

Wilhelm war ein junger Mann, der, da die Stadt zur Hälfte mit Deutschen bevölkert war, auch Kontakt mit deutschsprachigen jungen Mädchen hatte. Sie zeigten ihm ihre Medaillons, in denen man normalerweise ein Foto des Liebsten hatte, doch in diesen befand sich ein Bild von Adolf Hitler. Das ließ ihn aufmerksam werden für die Anfänge und rasche Ausbreitung des Nationalsozialismus.
Kurz bevor der Zweite Weltkrieg ausbricht, kehrt Wilhelm Brasse wieder nach Hause zurück, weil er damit rechnet, in die Armee eingezogen zu werden. Viele Menschen entschieden sich für die deutsche Staatsangehörigkeit, doch Wilhelm Brasse lehnte ab, ja weigerte sich geradezu.

Seine Mutter war Polin, sie sprach nur polnisch, er zwar auch deutsch, aber Polnisch war seine Muttersprache, und er dachte polnisch, er fühlte polnisch, er war Pole.

Mit ein paar Freunden wollte er nach Frankreich, sich dem Widerstand anschließen. Doch man erwischte sie und nachdem er sich nach vier Monaten Gefängnis immer noch weigerte, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, ging sein Transport in Richtung Westen.

Wilhelm Brasse kommt am 31. August 1940 mit vielen anderen Männern, eingepfercht in einem Viehwaggon, in Auschwitz an. Er war gerade mal 23 Jahre jung.
Seit seiner Ankunft, als sie aus den Waggons getrieben und gleich mit Holzknüppeln geschlagen wurden, begannen all seine Fragen mit dem Wörtchen "Warum". Und es waren die Fragen, die ich mir heute noch stelle:

"Warum werden Menschen hier so gedemütigt?"
"Warum werden sie geschlagen?"
"Warum greift niemand ein?"
"Warum macht man uns hier zu Opfern?"
"Warum haben die Täter offenbar vergessen, dass sie Menschen sind? Aber sind sie es noch? So, wie sie sich verhalten?"

Die Männer durften nur ein Taschentuch und einen Hosengürtel behalten. Alles andere wurde ihnen abgenommen. Aber sie hatten eh nur das, was sie am Körper trugen. Und dann nahm man Wilhelm Brasse den Namen und er war nur noch eine Nummer: Häftling Nummer 3444.

Und so begann der Häftlingsalltag von Wilhelm Brasse, der unmenschlicher nicht sein kann.

Es ist wortwörtlich nicht zu fassen, was man den Häftlingen angetan hat. Wie soll man die Täter benennen? Sind es Monster? Das personifizierte Böse? Sind das wirklich noch Menschen?
Schon nach den ersten 50 Seiten fiel es mir so schwer, weiterzulesen. Dabei arbeitet Reiner Engelmann nicht mit Emotionen. Er zeigt durch Wilhelm Brasse die Fakten auf, das, was wirklich geschah.

Immer auf der Suche nach mehr Essensrationen, ging Wilhelm Brasse das lebensgefährliche Risiko ein, sich immer wieder neue Arbeitskommandos zu suchen.
Bis er am 15. Februar 1941 eine neue Aufgabe erhielt, in der er seinen Beruf als Fotograf ausführen würde. Er wurde in einen neuen Block verlegt, was wesentliche Lebensverbesserungen mit sich zog. Das erste Mal, seit er in diesem Lager ist, würde er in einem Bett schlafen. Es gab eine richtige Toilette und einen Waschraum, in dem er sich richtig waschen konnte.
Wilhelm Brasses Arbeit bestand nun darin, Fotos von Häftlingen zu machen. Jeweils drei Stück: mit Mütze, ohne Mütze von vorne und im Profil. Und sie durften keine Verletzungen im Gesicht haben.
Ab September 1941 wurden in Auschwitz erste Versuche durchgeführt, Häftlinge zu vergessen. 600 sowjetische Gefangene wurden dafür selektiert. Bei den ersten Versuchen dauerte es sechs Tage, bis alle Menschen im Raum tot waren.

Ich möchte nicht enden, ohne Czeslawa Kwoka dem Vergessen zu entreißen. Wilhelm Brasse beschäftigten viele Bilder, aber der Anblick dieses Mädchens verfolgte ihn wochenlang und ließ ihn nicht mehr los.



Czesława Kwoka, ein Opfer von Auschwitz, auf Gefangenenporträts. Fotografiert von Wilhelm Brasse, aufgenommen 1942 oder 1943, ausgestellt im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau.

Czeslawa Kwoka wurde zusammen mit ihrer Mutter am 13. Dezember 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eingeliefert und Wilhelm Brasse musste auch sie fotografieren. Das junge Mädchen verstand überhaupt kein Deutsch. Als ein weiblicher Kapo ihre Nummer aufrief, konnte sie nicht reagieren. So schlug der Kapo sie mit einem Stock mitten ins Gesicht. Da er diesen weiblichen Kapo nicht kannte, konnte er nichts machen. Es kam ihm vor, als hätte er selbst diesen Stockschlag erhalten.

Ich wünsche diesem Buch viele Leser. Und nicht nur solche, die eh schon der Meinung sind, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Ich wünsche, solche Bücher würden viel mehr an Schulen gelesen werden. Ich wünsche solche Bücher vor allem Lesern, die sich durch unsere politischen Parteien so verunsichern lassen und aus Protest den verkehrten Leuten hinterherlaufen.

Den Holocaustleugnern sei gesagt: Glaubt ihr wirklich, dass sich solche Erlebnisse ein normaler Mensch aus den Fingern saugt? Ihr solltet euch schämen, diese Menschen Lügner zu nennen.

Kommentare:

  1. Hallo liebe Anne,
    Deine Rezension über dieses Buch ist unheimlich gut geschrieben. Ich hätte mir gewünscht, solche Bücher in der Schule lesen zu können. Als die langweiligen und schon längst veralteten Schulbücher die nicht das ganze Ausmaß an Grausamkeit gezeigt haben.
    Ich bin sehr froh, das ich über deinen Blog die Möglichkeit habe, solche interessante Bücher kennen zu lernen- auch wenn diese Art von Lektüre nicht immer die erste Wahl ist.
    Das Buch landet auf alle Fälle auf meiner Wuli.
    Danke für diesen interessanten Tipp
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Moin, liebe Andrea,
      vielen Dank. Ja wahrlich, gerne liest man solche Bücher nicht. Es ist bei dieser Thematik nicht immer einfach. Aber ich zeige auf diese Art und Weise, wo ich stehe.
      Liebe Grüße, Anne

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  2. Liebe Anne,

    danke für Deinen sehr berührende Bericht!!
    Was mir völlig neu ist, warum sollten die Polen/die deutschsprachigen Polen/Jüdische Polen(??) die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen?

    Das Mädchen ist auf dem rechten Bild so wunderschön.

    Vielleicht schreib ich gleich auch noch einen Bericht zu dem Tag heute.
    Sei herzlich gegrüßt
    Petrissa

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    1. Moin, liebe Petrissa,
      vielleicht, weil Polen von Deutschland besetzt war? Ich müsste mich da auch erst richtig belesen.
      Ich warte gespannt auf Deinen eventuellen Beitrag.
      Liebe Grüße, Anne

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  3. Liebe Anne,
    ich habe mich doch entschlossen, den Link heute in der Gruppe «Gegen das Vergessen» zu veröffentlichen.
    Herzlichen Dank für Deine Mitteilung und wie immer bin ich begeistert, welche Arbeit Du in die Rezensionen investierst - auch Liebe und Leidenschaft.

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    1. Herzlichen Dank, liebe Sylvia und sei lieb gegrüßt.

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