5. September 2017

Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde - Weiblichkeit in Zeiten großer Not

Heute nun mein erster Beitrag zu dem angekündigten Leseprojekt Schöne Bücher für und über Frauen. Monerl von Monerls-bunte-Welt hat sich dieses Buch gewünscht.




Spielt das Aussehen für Frauen in der Krisenzeit eine Rolle? Aber ja. Selbst in Kriegszeiten achten sie darauf, wie sie das Haus verlassen. In Gefangenschaft ist es für sie geradezu überlebenswichtig, ihre Würde und Weiblichkeit bewahren zu können.
Man sollte meinen, dass es in Zeiten von Not Wichtigeres gibt als das Aussehen. Doch "schon ein Hauch von Lippenstift lässt Frauen sich in fast jeder Notlage besser fühlen".


Wer sind diese Frauen, die Henriette Schroeder dem Leser hier vorstellt?

Emily Wu kommt als erste zu Wort. 1958 kam sie in Peking zur Welt. Mao Tse-tung wollte die Landwirtschaft kollektivieren und China in eine industrialisierte kommunistische Großmacht verwandeln. Dabei nahm er in Kauf, dass innerhalb von vier Jahren 45 Millionen Menschen verhungerten.
Emily kannte nur eine graue, triste Welt. Keine Farben oder elegante Kleidung. Mit 23 Jahren emigrierte sie in die USA und schrieb ihre Memoiren: "Feder im Sturm - Meine Kindheit in China". Bis heute stehen sie dort auf dem Index.

"Kulturrevolution" bedeutete in China auch, die "Vier alten" (die Kurzform für alte Ideen, alte Kultur, alte Bräuche und alte Gewohnheiten) zu zerstören oder zu konfiszieren. 5000 Jahre alte chinesische Traditionen sollten eliminiert werden.

Als junges Mädchen verbrachte Emila viele Stunden damit zu stricken, sticken oder nähen oder Dekorationen zu basteln. "Unser Leben war so elend, langweilig und farblos, dass wir alles taten, um es erträglicher zu machen."

Henriette Schroeder interviewt Frauen, die Schreckliches erlebt haben. Zum Beispiel die Belagerung von Sarajevo (1992), während der die Stadt 1425 Tage eingeschlossen blieb, Scharfschützen auch auf Frauen und Kinder zielten. 11.541 Menschen starben während dieses Krieges, der inmitten des friedlichen Europas stattfand. Tausende wurden schwer verletzt und über 30.000 Menschen werden immer noch vermisst.


Die 17-jährige Inela Nogić als strahlende Siegerin
                     der "Miss opkoljenog Sarajeva" (Miss belagertes Sarajevo)-Wahlen, 1993

Wenn man gelesen hat, was diese Frauen erlebt haben, dann versteht man, dass schon ein Hauch von Lippenstift zum Überleben beitragen kann.

Alle Frauen zu benennen, wäre hier zu viel. Daher werde ich nur einige der Frauen mit einem Zitat zu Wort kommen lassen.

Senka Kurtović: "Sich schminken, sich gut kleiden, war auch Schutz gegen das Grauen..."

Samra Luckin: "Ich hatte am ersten Tag des Krieges genauso viel Angst wie am letzten. Ich wollte aber auch nicht hinnehmen, dass mich jemand zu einer Lebensweise zwingt, die unter meiner persönlichen Würde ist. Auch deshalb habe ich mich um mein Aussehen gekümmert. Es ging um Würde und um Auflehnung gegen diese Primitiven, die uns umzingelt hatten und auf uns schossen."

Christiane Amanpour: "Ich lernte, dass unter Beschuss, unter den mittelalterlichen Bedingungen, unter denen die Frauen leben musten, schön sein zu wollen, nichts mit Eitelkeit zu tun hatte. Es ging ihnen darum, ihre Menschlichkeit zu bewahren."

Die Iranerin Yalda (Name geändert) lebt seit 2012 in völliger Anonymität in Wien: "Die Mullahs sagen, der Islam schreibe die Kleiderordnung vor. Aber in Wirklichkeit bestehen sie darauf, weil sie so dreckige, pervertierte Seelen haben. Und sie behaupten, alle anderen hätten ähnliche Gedanken; also erlassen sie viele Verbote. So wird Druck aufgebaut. Sie haben eine so schmutzige Fantasie, dass eine weibliche Fessel sie bereits anmachen würde. Mit all ihren Vorschriften verbreiten sie Angst und Schrecken und können so ihre Herrschaft zementieren."

Wir hier im Westen sind mit Urteilen immer schnell bei der Hand. Gerade was das Kopftuch, die Kleider der Frauen aus anderen Kulturen betrifft. Dass vermummte und kopftuchtragende Frauen ihre ganz persönliche Revolution durchführen, das sehen wir nicht.
Deshalb wünsche ich diesem Buch ganz viele Leser. Damit der ein oder andere sein vorschnelles Urteil vielleicht doch noch revidieren kann.

Ich bin in diesem äußerst interessanten Buch auf so viele Frauen gestoßen, die ich bisher nicht mal vom Namen her kannte. Daher stelle ich es auch nicht gleich wieder ins Regal zurück, sondern versuche mal, noch mehr über diese Frauen zu erfahren.

Auf der Seite des Elisabeth Sandmann Verlages kann man einen kleinen Blick in dieses Buch werfen.

Kommentare:

  1. Liebe Anne,
    das ist ja wunderbar! Ich freue mich so, dass diese (und noch viele andere Frauen) sich selbst auch ganz nah waren und sich selber Würde schenkten. Danke für die Rezension und die Vorstellung des Buches! Da es mein Wunschbuch war, werde ich es demnächst mal suchen und mich ebenfalls daran erfreuen!
    GlG vom monerl

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    1. Gerne, liebe Monerl. Allerdings ist das Buch nicht ganz leicht zu lesen. So am Stück zu erfahren, was Frauen Schreckliches erdulden mussten und auch heute immer noch erdulden müssen, ist schon harte Kost.
      Im Moment geht mir der Gedanke durch den Kopf, gar nicht so sehr Romane zu besprechen, sondern im Blog Frauen vorzustellen. Das ist ja eh ein Thema, für das ich mich schon ziemlich lange interessiere.
      Liebe Grüße, Anne

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  2. Liebe Anne

    Das Buch klingt wahnsinnig interessant. Das schaue ich mir noch genauer an. Da gehört schon was dazu, wenn man sich in solch schlimmen Zeiten nicht gehen lässt. Alle Achtung vor diesen Frauen.

    Liebe Grüße,
    Gisela

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    1. Schön, dass ich Dich neugierig machen konnte, liebe Gisela. Die Frauen haben es allemal verdient, nicht in Vergessenheit zu geraten.

      Liebe Grüße, Anne

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