14. April 2018

Claus Räfle: Die Unsichtbaren - Untertauchen, um zu überleben. Eine wahre Geschichte

Sechs Millionen jüdische Menschen kamen im Zweiten Weltkrieg um. Eine Zahl, die man sich kaum vorstellen mag. Vier Millionen Holocaust-Opfer hat das Forschungsinstitut Yad Vashem bis 2010 namentlich dokumentiert.

Wenn man diese Zahlen liest, kann man sich kaum vorstellen, dass es jüdische Menschen in Deutschland gab, die den Krieg überlebt haben.

Von einer Familie habe ich hier schon einmal berichtet.

In Die Unsichtbaren von Claus Räfle lernen wir vier junge Menschen in Berlin kennen, die die Flucht nach vorne wagen. Doch es ist riskant. Nicht nur wegen der Nazischergen, vorsehen müssen sie sich auch vor der "führerblinden ,Volksgemeinschaft', die von ihrem Leid nichts wissen will, die Scheuklappen aufsetzt oder mit Freude kollaboriert".
Doch nicht alle Berliner waren so. Circa 1700 bis 2000 Juden haben das Unmögliche geschafft - und das konnten sie nur mit der Hilfe von Menschen, die sich ihre Menschlichkeit bewahren wollten.

Dieses Buch entstand nach dem Film Die Untergetauchten - wir wollen Leben. Die Texte beruhen auf Interviews, die die Drehbuchautoren Claus Räfle und Alejandra López mit vier überlebenden Juden führten: Ruth Gumpel (damals 20 Jahre jung), Hanni Lévi (damals 17), Cioma Schönhaus (damals 20) und Eugen Herman-Friede (damals 16). Diese wurden durch Berichte weiterer Überlebender ergänzt, die nicht mit ins Drehbuch einfließen konnten.

In den ersten beiden Kriegsjahren sollte die jüdische Bevölkerung durch Entrechtung und Ausgrenzung dazu getrieben werden, zu emigrieren. Doch seit 1941 plante der NS-Staat die Vernichtung aller Juden, die sich im europäischen Herrschaftsgebiet aufhielten.

Hannis Eltern leben nicht mehr, ihre Großmutter wurde in den Osten deportiert. Bekannte ihrer Mutter nahmen sie auf. Sie lebten in einem sogenannten "Judenhaus". Ihre eigenen gutbürgerlichen Wohnungen mussten die Juden für mittlere NS-Würdenträger verlassen. Zwei oder drei Familien mussten sich in diesen Häusern eine 60-Quadratmeter-Wohnung teilen. Bestimmte Lebensmittel - Milch, Eier, Fleisch, Fett, Kaffee, Schokolade - durften sie nicht mehr kaufen. Sie mussten ihre aus Pelz und Wolle bestehende Winterkleidung abgeben. Es gibt keine Kohlen mehr und draußen herrschen Minus fünfzehn Grad, in den Wohnungen sieben Grad.
Als man ihnen alles genommen hatte, dachten sie: Schlimmer kann es nicht kommen.

Cioma lebte mit der Familie in der Sophinstraße, als sie erfuhren, dass sie sich zum Transport melden sollten. Der Vater war schon zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er der Familie Butter besorgt hatte.

Beim Lesen zieht sich mir wieder alles zusammen. Wie perfide dieses System war. Den Juden wurde nicht nur alles weggenommen - Sparguthaben, Lebensversicherungen, Schmuck, Wertpapiere. Sie wurden auch noch "gezwungen, der Übereignung ihres noch verbliebenen Besitzes an den Staat zuzustimmen und auf noch offene Lohnzahlungen zu verzichten. Sie mussten die Abmeldung aus ihrer bisherigen Wohnung bestätigen, ihren  Gas- und Stromanschluss abmelden". So wollte man ihnen vorgaukeln, dass alles Recht und Ordnung sei.

Nach einem herzzerreißenden Abschied von den Eltern entschloss sich Cioma, der wegen seiner kriegswichtigen Arbeit nicht mit musste, unterzutauchen.

Eugen Herman-Friede hatte noch einen gewissen Schutz. Seine Mutter war mit einem Arier verheiratet. Er war so in der Familie der einzige, der den verhassten Stern tragen musste. Doch mit seinen sechzehn Jahren interessierte er sich vor allem für Mädchen.
Allerdings ist sein leiblicher Vater Jude und so wusste Eugen, dass es ihn mit wenigstens 21 Jahren auch treffen würde.
Im Sommer 1942 wurden alle jüdischen Schulen geschlossen, so war klar, dass das Naziregime eine Zukunft ohne jüdische Kinder plant. Eugen musste Zwangsarbeit auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee verrichten. Das war nicht so schwer. Viel deprimierender war der Weg, den er täglich mit seinem Stern durch Berlin gehen musste. Wege bis sieben Kilometer mussten Juden zu Fuß gehen. Erst ab da durften sie öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
Eines Abends an der Straßenbahnhaltestelle trat ein Mann in Ledermantel und Schlapphut auf Eugen zu, riss ihm den Stern herunter und sagte, er sei nicht vorschriftsmäßig angebracht. Er notierte sich Namen und Adresse von Eugen, womit sein Schicksal besiegelt schien. Die Eltern überlegten nun, wie sie Eugen retten können. Der Stiefvater hörte sich bei Freunden und Bekannten um, ob jemand bereit wäre, Eugen aufzunehmen.

Ruth Arndt Gumpel vertraute auf ein Netzwerk von Helfern. Oft musste sie die Nacht auf der Straße verbringen. Um keinen Verdacht zu erregen, suchte sie die ihr genannte Wohnung erst auf, wenn die Nachbarn zur Arbeit waren. Das war angenehmer, als den ganzen Tag auf der Straße zu sein und so zu tun, als wäre man geschäftig unterwegs, während man in Wirklichkeit nicht wusste, wohin mit sich.
Für die jungen Männer war das noch gefährlicher. All diejenigen, die nicht uniformiert unterwegs waren, mussten Gefahr laufen, kontrolliert zu werden.

Dr. Joseph Goebbels' Gedanken zur Massenverhaftung am 27. Februar - erhalten in seinem Tagebuch (11. März 1943): "Im Ganzen sind wir 4000 Juden dabei nicht habhaft geworden. Sie treiben sich jetzt wohnungs- und anmeldungslos in Berlin herum und bilden natürlich für die Öffentlichkeit eine große Gefahr."

Wie "gefährlich" die Juden waren, bekamen schon die Kleinen in ihren Büchern zu lesen. Hier ein Auszug aus dem antisemitischen Kinderbuch "Der Giftpilz" von Ernst Hiemer (Schriftsteller, Lehrer und während der Zeit des Nationalsozialismus Vertrauensmann der Reichspressekammer beim Landeskulturverwalter des Gaues Schwaben):

"Schau, Franz, vor den schlechten Menschen muß man sich in Acht nehmen wie vor Giftpilzen. Und weißt Du, wer diese schlechten Menschen, diese Giftpilze der Menschheit sind?" fragt die Mutter.
Franz wirft sich stolz in die Brust "Jawohl, Mutter! Das weiß ich. Es sind die Juden. Unser Lehrer hat uns das schon oft in der Schule gesagt." Lachend klopft die Mutter ihrem Franz auf die Schulter. "Donnerwetter, du bist ja ein ganz gescheiter Junge!" und dann wird sie ernst "Wie ein einziger Giftpilz eine ganze Familie töten kann, so kann ein einziger Jude ein ganzes Dorf, eine ganze Stadt, ja sogar ein ganzes Volk vernichten." - Franz hat die Mutter verstanden."


Ich bin noch ganz am Anfang des Buches und werde es nun für mich zu Ende lesen. Die vier Hauptpersonen habe ich euch vorgestellt. In der Folge lernen wir noch die Helfer kennen und erfahren, welches Risiko sie eingingen, wie die Gestapo ihre Jagd auf die Untergetauchten organisierte und wie sich Juden und Nichtjuden zur Wehr setzten.

2000 Berliner Juden haben überlebt und erfahren, was aus ihren deportierten Leidensgenossen wurde.

Kommentare:

  1. 😢 Liebe Anne,

    ja, perfide ist das richtige Wort.
    Im Moment verzweifel ich etwas über die Situation in Deutschland. Alleine gestern auf Twitter:
    Linus, der transexuell ist, bekommt Hasskommentare, dass man ihn am liebsten ins Gas schicken würde. Vom Judenrat postet einer ein Video, wie ein Muslim ihn mit einer Art Peitsche schlägt, nur weil er eine Kippa auf hat. Das führt sogleich zu Hass auf alle Moslems.
    taz postet ein Hasskommentar, dass die taz die wahren Faschisten seien und eines Tages wird das Volk sie richten und dann gibt es kein Pardon.
    ...
    Ich frag mich seit dem: Was können wir tun? Wir müssen doch irgendwas tun können! So Beiträge wie hier, das lesen doch eh nur die, die sich schon dafür interessieren.
    Ich verzweifel gerade darüber etwas. Ich habe so Angst, dass sich das Nazi Regim wiederholt.
    Heut früh auf Twitter gelesen. "Die Rechten" aus NRW haben eine Liste beantragt, wie viel Juden es gibt. Die AfD eine Liste, wie viel Behinderte es in Deutschland gibt. Die CSU will eine Liste von psy. Kranken. Die Polizei in NRW führt Listen über Menschen mit HIV. S****!!

    Ach, sorry.
    Eigentlich bin ich ja auch gekommen, weil ich Dich getagt habe. Ich weiß, Du magst es nicht ganz so gerne, aber ich finde, das ist echt ein anspruchsvoller tag und ich glaube, Du könntest dabei jede Menge interessanter Bücher nennen.

    Das es bei mir ein Wunschbuch zu gewinnen gibt, hast Du schon gesehen?

    Sei lieb gegrüßt und trotz der schmerzlichen Sachen, einen schönen Tag
    Petrissa

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    1. Oh je, liebe Petrissa,

      solch schwere Gedanken schon am Vormittag. Aber ich kann Dich verstehen. Was diese Hasskommentare betrifft, bin ich zwiegespalten. Bei FB hatte ich mich ja auch in diversen Gruppen getummelt und habe diese Kommentare miterlebt. Mittlerweile weiß ich, dass nicht hinter jedem Kommentar eine reale Person steckt. Ich kann es zwar nicht genau erklären, aber es gibt kleine Programme, die automatisch solche Kommentare streuen.
      Was wichtig wäre: Hasskommentaren andere Kommentare entgegensetzen. Man darf sie nicht nur konsumieren, man muss seine eigene Meinung schreiben.
      Ehrlich gesagt, lese ich diese Kommentare gar nicht mehr. Man hat dann nämlich das Gefühl, dass es nur noch schlechte Menschen gibt. Und so ist es nicht.
      Mittlerweile wird es auch immer schwieriger, richtige von Fakebeiträgen zu unterscheiden. Mir wurde kürzlich ein Filmchen zugeschickt, in dem über eine ausländische Familie berichtet wurde, die in Leipzig eine riesige Wohnung bekommen hat und monatlich bei 5000 Euro vom Staat erhält. Ein Ehepaar mit elf Kindern. Das Filmchen war etwas über eine Minute lang und recht negativ gehalten. Bei Youtube habe ich dann dass Original gefunden - mehr als fünf Minuten und durchaus auch mit positiven Meinungen.
      Mittlerweile ist es auch für normale Computer-Nutzer möglich, Originalstimmen falsche Zitate in den Mund zu legen.
      Man muss mittlerweile sehr vorsichtig sein mit Bildern, Zitaten und Filmchen.

      Tja, was können wir tun. Selbst aktiv werden, sich in Vereinen oder Gruppen oder einer Partei engagieren. Das wäre der richtige Weg. Leserbreife in der örtlichen Zeitung wären auch eine Antwort auf obige Nachrichten. Es gäbe schon Möglichkeiten. Aber sie kosten Zeit, eventuell Geld und Mühe, die man aufbringen muss.

      Bei Gewinnspielen mach ich nicht so gerne mit, Petrissa, aber ich schau mir mal an, wo Du mich getaggt hast.

      Mach Dir nicht zu schwere Gedanken, genieße auch das Leben. Uns geht es noch sehr gut :-)

      Liebe Grüße, Anne

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